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 Re:zweilage: aus eng mach weit
Autor: A. Aristo 
Datum:   09.11.2004 13:19

(...)
Corneille selbst bemerkte eine Stelle, die uns, nach seiner Meinung, Licht genug geben könne, die Art und Weise zu entdecken, auf welche die Reinigung der Leidenschaften in der Tragödie geschehe: nämlich die, wo Aristoteles sagt, "das Mitleid verlange einen, der unverdient leide, und die Furcht einen unsersgleichen". Diese Stelle ist auch wirklich sehr wichtig, nur daß Corneille einen falschen Gebrauch davon machte, und nicht wohl anders als machen konnte, weil er einmal die Reinigung der Leidenschaften überhaupt im Kopfe hatte. "Das Mitleid mit dem Unglücke", sagt er, "von welchem wir unsersgleichen befallen sehen, erweckt in uns die Furcht, daß uns ein ähnliches Unglück treffen könne; diese Furcht erweckt die Begierde, ihm auszuweichen; und diese Begierde ein Bestreben, die Leidenschaft, durch welche die Person, die wir bedauern, sich ihr Unglück vor unsern Augen zuziehet, zu reinigen, zu mäßigen, zu bessern, ja gar auszurotten; indem einem jeden die Vernunft sagt, daß man die Ursache abschneiden müsse, wenn man die Wirkung vermeiden wolle. " Aber dieses Raisonnement, welches die Furcht bloß zum Werkzeuge macht, durch welches das Mitleid die Reinigung der Leidenschaften bewirkt, ist falsch und kann unmöglich die Meinung des Aristoteles sein; weil sonach die Tragödie gerade alle Leidenschaften reinigen könnte, nur nicht die zwei, die Aristoteles ausdrücklich durch sie gereiniget wissen will. Sie könnte unsern Zorn, unsere Neugierde, unsern Neid, unsern Ehrgeiz, unsern Haß und unsere Liebe reinigen, so wie es die eine oder die andere Leidenschaft ist, durch die sich die bemitleidete Person ihr Unglück zugezogen. Nur unser Mitleid und unsere Furcht müßte sie ungereiniget lassen. Denn Mitleid und Furcht sind die Leidenschaften, die in der Tragödie wir, nicht aber die handelnden Personen empfinden; sind die Leidenschaften, durch welche die handelnden Personen uns rühren, nicht aber die, durch welche sie sich selbst ihre Unfälle zuziehen. Es kann ein Stück geben, in welchem sie beides sind: das weiß ich wohl. Aber noch kenne ich kein solches Stück: ein Stück nämlich, in welchem sich die bemitleidete Person durch ein übelverstandenes Mitleid oder durch eine übelverstandene Furcht ins Unglück stürze. Gleichwohl würde dieses Stück das einzige sein, in welchem, so wie es Corneille versteht, das geschähe, was Aristoteles will, daß es in allen Tragödien geschehen soll: und auch in diesem einzigen würde es nicht auf die Art geschehen, auf die es dieser verlangt. Dieses einzige Stück würde gleichsam der Punkt sein, in welchem zwei gegeneinander sich neigende gerade Linien zusammentreffen, um sich in alle Unendlichkeit nicht wieder zu begegnen. - So gar sehr konnte Dacier den Sinn des Aristoteles nicht verfehlen. Er war verbunden, auf die Worte seines Autors aufmerksamer zu sein, und diese besagen es zu positiv, daß unser Mitleid und unsere Furcht durch das Mitleid und die Furcht der Tragödie gereiniget werden sollen. Weil er aber ohne Zweifel glaubte, daß der Nutzen der Tragödie sehr gering sein wurde, wenn er bloß hierauf eingeschränkt wäre: so ließ er sich verleiten, nach der Erklärung des Corneille, ihr die ebenmäßige Reinigung auch aller übrigen Leidenschaften beizulegen. Wie nun Corneille diese für sein Teil leugnete und in Beispielen zeigte, daß sie mehr ein schöner Gedanke, als eine Sache sei, die gewöhnlicherweise zur Wirklichkeit gelange: so mußte er sich mit ihm in diese Beispiele selbst einlassen, wo er sich denn so in der Enge fand, daß er die gewaltsamsten Drehungen und Wendungen machen mußte, um seinen Aristoteles mit sich durchzubringen.
(...)
http://www.phf.uni-rostock.de/institut/igerman/forschung/litkritik/litkritik/start.htm?/institut/igerman/forschung/litkritik/litkritik/Rezensionen/AufEmpf/TbLessing3bko.htm

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 Kommentar: Völkermord / Ausbeutung  
Walter Rahn 25.10.2004 14:14 
 Re: Kommentar: Völkermord / Ausbeutung  
Verteidiger 25.10.2004 20:28 
 Re: Kommentar: Völkermord / Ausbeutung  
Uwe Niederdraeing 26.10.2004 12:13 
 Re: Kommentar: Völkermord / Ausbeutung  
WAU WAU° 26.10.2004 13:16 
 Re: Kommentar: Völkermord / Ausbeutung  
Uwe Niederdraeing 27.10.2004 18:34 
 Re: Kommentar: Völkermord / Ausbeutung  
W.C. 08.11.2004 14:21 
 Re: Kommentar: Völkermord / Ausbeutung  
Uwe Niedrdräing 09.11.2004 11:07 
 Re:zweilage: aus eng mach weit  
A. Aristo 09.11.2004 13:19 
 Re:zweilage: aus eng mach weit????  
Jan Busch 09.11.2004 19:43 
 Re:zweilage: aus eng mach weit????  
pinie 10.11.2004 09:40 
 Re:zweilage: aus eng mach weit????  
Jan Busch 10.11.2004 23:53 
 Re:zweilage: aus eng mach weit!  
Siebenjähriger 11.11.2004 10:48 
 Re:zweilage: aus eng mach weit!  
Uwe Niederdraeing 14.11.2004 00:36 
 Re: Kommentar: Völkermord / Ausbeutung  
C.J. 29.10.2004 21:59 
 Re:Kommentar: Völkermord / Ausbeutung  
R. Rohrmann 30.10.2004 11:42 
 Re:Kommentar: Völkermord / Ausbeutung  
Berta Block 30.10.2004 14:43 
 Re: Kommentar: Völkermord / Ausbeutung  
Quelle 30.10.2004 19:27 
 Re: Kommentar: Völkermord / Ausbeutung  
Coolman 30.10.2004 21:18 
 Re: Kommentar: Erweitert  
Quellen-Kontakte 30.10.2004 22:17 
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Sascha 30.10.2004 23:07 
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Irrtum 31.10.2004 00:16 
 Re: Kommentar: Erweitert  
Sascha 31.10.2004 09:48 
 Re: Kommentar: Erweitert  
Arne Schöfert 30.10.2004 23:44 
 Re: Kommentar: Erweitert  
Nachtgruß 31.10.2004 00:33 
 Re: Kommentar: Erweitert  
brainstorming-salat 31.10.2004 13:47 
 Re: Schützen  
Witzbold 01.11.2004 08:00 
 Re: Schützen  
Cristian Klar 01.11.2004 22:00 
 Re: Kommentar: Erweitert  
Anonymus 31.10.2004 13:54 
 Re: Kommentar: Erweitert  
Gert H. 01.11.2004 11:37 
 deutsche-schutzgebiete.de  
Arne Schöfert 31.10.2004 15:05 
 Re: deutsche-schutzgebiete.de  
Erweitert 01.11.2004 09:41 
 Re: Recherche  
Arne Schöfert 01.11.2004 10:10 
 über die deutschen 'Gutmenschen'  
Othello 01.11.2004 21:07 
 Re: über die deutschen 'Gutmenschen'  
Robi 02.11.2004 20:57 
 Re: über die deutschen 'Gutmenschen'  
Jacobi 02.11.2004 21:06 
 Re: über die deutschen 'Gutmenschen'  
Hans 07.11.2004 12:29 
 Monstranz der Demagogie  
Othello 09.11.2004 19:57 
 Re: Kommentar: Völkermord / Ausbeutung  
Robi 31.10.2004 13:32 
 Re: Kommentar: Völkermord / Ausbeutung  
Dr. Reinhard Probst 31.10.2004 21:34 
 Re: Kommentar: Völkermord / Ausbeutung  
taz-info 01.11.2004 00:28 
 Re: Kommentar: Völkermord / Ausbeutung  
michael 07.11.2004 17:42 


 

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