Autor: Kai W.
Datum: 25.04.2005 22:22
Mit dem Titel ?Mit braunen gegen rote Thesen - Eine vertane Chance? veröffentlichen der Traditionsverband ehemaliger Schutz- und Überseetruppen und Wolfgang Reith ein Papier, das sich einerseits von den zitierten Quellen in Claus Nordbruchs polemischem Buch zu distanzieren sucht, aber nicht von dessen Schlussfolgerungen. Der Author tut andererseits Wissenschaftler, deren Forschungsergebnisse nicht auf der ideologischen Linie des Traditionsverbands sind, als unseriös ab.
Auf der einen Seite also ?braune Thesen? eines Claus Nordbruch, auf der anderen angeblich die ?rote Kolportage? und ?pseudowissenschaftliche Veröffentlichungen sozialistisch orientierter? Historiker - dazwischen die historische ?Wahrheit?, die der Traditionsverband zu vertreten glaubt, nämlich, dass es keinen Völkermord gegeben habe. Doch die angeführten Beispiele über Motivationen und Truppenbewegungen überzeugen jedoch nicht.
Schaut man genau hin, sind die Thesen von Wolfgang Reith selbst reichlich pauschal. Reith kritisiert, dass andere Veröffentlichungen ?aus Unkenntnis? die Völkermordthese vertreten und behaupten würden, die Deutschen hätten 1904 die Konzentrationslager erfunden. Er nennt diese ?Halb-, Viertel- und Unwahrheiten?.
Doch so einfach will es nicht gelingen, anderen Wissenschaftlern Unkenntnis und Unseriösität in die Schuhe zu schieben. Verschiedene Historiker haben in jahrelanger Arbeit in Kolonialarchiven Erkenntnisse gewonnen. Dabei weisen sie den Völkermord zweifellos nach, doch differieren ihre Ergebnisse im Einzelnen. Keineswegs wird irgendwo behauptet, die Deutschen hätten die Konzentrationslager erfunden. Im Gegenteil: in den zahlreichen Publikationen wird deutlich gemacht, dass die britischen Kolonialherren schon zuvor ?concentration camps? hatten. Diese Tatsache entschuldigt aber nicht die von den deutschen Truppen errichteten Lager, deren Insassen zur Zwangsarbeit in Minen und auf Plantagen rekrutiert wurden. Sie starben massenweise an den miseralen Verhältnissen in den Lagern.
Ferner unterstellt Reith, dass die Untersuchungen dieser Historiker argumentativ direkt zur Vernichtung der Juden durch das NS-Regime führen würden. Auch hier hat er schlecht hingehört. Eine öffentlich ausgetragene Historikerdebatte gab es 2004 auf einer Tagung über die in Frage gestellte geistige Kontinuität zwischen Kolonialismus und den NS-Verbrechen. Gegner der These argumentierten, dass diese zwei Ereignisse derart singulär seien, dass die Gleichsetzung beide verharmlosen würde.
Immer wieder werfen die Kolonialnostalgiker Anderen vor, aus dem von den Alliierten verfassten, kriegspropagandistischen ?Blaubuch? oder aus DDR-Quellen zu zitieren. Wenn sie die neuen Publikationen lesen würden, würden sie feststellen, dass heute ganz andere Quellen zur Verfügung stehen, z.B. Direktmaterial aus den Archiven Windhoek, Swakopmund, die Bundes- und Bildarchive Koblenz, Bremen und Berlin. Und dazu zahlreiche amerikanische Untersuchungen seit den 1960er Jahren bis heute, um nur einige zu nennen. Der Herero- und Nama-Aufstand und der Völkermord gehören zu den am gründlichsten untersuchten Zeitabschnitten der deutschen Kolonialgeschichte.
Schaut man auf die Quellen, aus denen der Traditionsverband schöpft, zweifelt man doch eher an deren wissenschaftlichen Ausgewogenheit: es sind durchweg Beiträge von deutschen Truppenangehörigen der Kolonialzeit.
neuere Publikationen u.a.
- Alfred Babing: Namibia ? das Land der Sonne: von der deutsch-südafrikanischen Kolonie zu einem freien unabhängigen afrikanischen Staat, Berlin 2003
- Janntje Böhlke-Itzen: Kolonialschuld und Entschädigung: der deutsche Völkermord an den Hereros (1904-1907), Frankfurt 2004
- Andreas H. Bühler: Der Namaaufstand gegen die deutsche Kolonialherrschaft in Namibia von 1904 bis 1913: Facetten der europäisch-überseeischen Begegnung, 2003
- Larissa Förster, Dag Henrichsen und Michael Bollig (Hrsg.): Namibia - Deutschland: eine geteilte Geschichte. Widerstand, Gewalt, Erinnerung, Köln 2004
- Jan-Bart Gewald: Herero Heroes: A Socio-Political History of the Herero of Namibia between 1890 -1923, Leiden 1996
- Gesine Krüger, Kriegsbewältigung und Geschichtsbewußtsein: Realität, Deutung und Verarbeitung des deutschen Kolonialkriegs in Namibia 1904 bis 1907, Göttingen 1999
- Willi Nikolay: Der Hereroaufstand von 1904 in Südwestafrika, in: Praxis Geschichte, 1/1993
- Günther Reeh: Hendrik Witbooi: ein Leben für die Freiheit; zwischen Glaube und Zweifel, Köln 2000
- Peter Scheulen: Die "Eingeborenen" Deutsch-Südwestafrikas : ihr Bild in deutschen Kolonialzeitschriften von 1884 bis 1918, Köln 1998
- Joachim Zeller: Wie Vieh wurden hunderte zu Tode getrieben und wie Vieh begraben. Fotodokumente aus dem deutschen Konzentrationslager in Swakopmund/Namibia 1904-1908, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 3/2001
- Jürgen Zimmerer / Joachim Zeller: Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904-1908) in Namibia und seine Folgen, Berlin 2003
- Jürgen Zimmerer, Deutsche Herrschaft über Afrikaner. Staatlicher Machtanspruch und Wirklichkeit im kolonialen Namibia, Hamburg 2001
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