Autor: Othello
Datum: 01.11.2004 23:40
Auch ich habe mich aus verschiedenen Quellen informiert über Wissmann und seine Biografie. Hier meine Antwort auf Ihre Kommentare.
Uwe Niedrdraeing schrieb:
> "1885 rief Bismarck das deutsche Protektorat aus. Heftige
> Widerstände der Kolonisierten im Landesinnern und an der Küste
> wurden unter der Leitung des Majors von Wißmann
> zurückgeschlagen."
>
> Totaler Schwachsinn. Der Widerstand wurde vom Sultan von
> Sansibar geplant und von Bana Heri und Buschiri, einem Araber
> und einem Halb-Araber angefuehrt. Der Aufstand brach 1888 aus.
> Bana Heri und seine Armee wurden als Kombattanten behandelt.
> Buschiri, der sich hauptsaechlich durch Pluenderungen und
> Terror gegen die Zivilbevoelkerung auszeichnete, wurde als
> Verbrecher angesehen und gehenkt.
Totaler Schwachsinn? Sie vergessen beispielsweise den Aufstand des Hehe-Volkes in Ostafrika, der sehr wohl eine Rebellion der Kolonisierten war und der blutig niedergeschlagen wurde. Abgesehen von Unruhen, die durch Misshandlungen und Vergewaltigungen entstanden. Und später - allerdings nach dem Tode Wissmanns - den Maji-Maji-Aufstand, der in großen Teilen des ostafrikanischen Landes aufbrach.
Abgesehen davon haben die Deutschen am Anfang gemeinsame Sache mit den arabischen Sklavenhändlern gemacht. Später sollten diese Konkurrenten um menschliche Arbeitskraft und um Handelswege und -güter ausgeschaltet werden.
> Die lokalen Afrikaner (die 90prozentige Mehrheit der
> Kolonialisierten) sowieso, da sie durch Wissmann vom Joch der
> Sklaverei befreit wurden. Wissmann setzte sich uebrigens auch
> nach seiner Rueckkehr energisch gegen die Sklaverei ein.
... und lange davor schon die Engländer, die ebenfalls eigenes Interesse daran hatten, dass die afrikanische Bevölkerung nicht 'Besitz' der Sklavenhändler blieben, sondern "befreit" für die neuen Herren schuften durften.
> Wer meint, dass die zugegebenermassen ausbeuterischen Methoden
> der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft dasselbe seien, wie
> Sklaverei, der hat keine Ahnung. Zu den harten koerperlichen
> Arbeiten der "Zwangsarbeit" kommen in der Sklaverei noch
> alltaegliche Bedrohung des Lebens, Verschleppung,
> Unterernaehrung, Misshandlung uva.
Sicherlich war die Zwangsarbeit nicht dasselbe wie die Sklaverei, aber Bedrohung, Verschleppung und Misshandlung gehörten trotzdem dazu, wie auch Peitschenhiebe, Vergewaltigungen, medizinische Versuche und Tötung, die immer straffrei ausging.
>
> Die Erweiterung des Deutsche
> Kolonialbesitzes war ein generelles Ziel der Aussenpolitik,
> allerdings ging es bei der Aufstandsbekaempfung hauptsaechlich
> um die Wiederherstellung der Macht in den bereits kolonisierten
> Gebieten.
Sie sind falsch informiert. Die Erweiterung des deutschen Kolonialbesitzes war keineswegs ein generelles Ziel der Außenpolitik der Reichsregierung. Bismarck zögerte immer wieder. Die Kolonialkaufmänner hatten ihre großen Lobbyisten an politischen Schaltstellen eingesetzt, z.B. den Hamburger Kaufmann Adolph Woermann, der nie müde wurde, die Wichtigkeit der Kolonien zu unterstreichen. An diesen verdiente er ja schließlich gut. Und das deutsche Volk durfte ja für eventuelle Verluste aufkommen. Gewinne privatisieren, Verluste vergesellschaften.
> Eine Erweiterung des Deutschen Einflussbereiches
> wurde hauptsaechlich mit friedlichen Mitteln, durch
> Bestechungen und Vertraege, vorangetrieben.
Flaggen wurden gehisst, Gespräche mit den Häuptlingen aufgenommen, Verträge (in deutscher! Sprache) unterschrieben, und wer da dann nicht pariierte, dessen Dorf wurde schon mal in Brand gesteckt, geplündert. Schnaps war eine beliebte Exportware nach Afrika (Woermann befürwortete diese Ausfuhr ausdrücklich), denn der Alkohol machte die afrikanischen Chiefs gefügig und süchtig nach immer mehr.
> "Die 'Wißmanntruppe' bekämpfte afrikanische Stämme, die sich
> gegen Enteignung von Land und Vieh und Zwangsarbeit zur Wehr
> setzten. Mordend und brandschatzend zog er mit seinen Soldaten
> durch Dörfer. Schätzungsweise 250.000 Menschen, hauptsächlich
> Afrikaner, starben bei diesen Auseinandersetzungen."
>
> Unverschaemte Luegen, die ich am liebsten gar nicht
> kommentieren wuerde. Die Opferzahlen sind falsch. Die
> allermeisten dar spaeteren Kaempfe in Deutsch-Ostafrika wurden
> aufgrund des Konfliktes zwischen ackerbautreibenden Staemmen
> und nomadisierenden Viehzuechtern ausgetragen. Die
> kriegerischen Nomaden verheerten das Land durch ihre
> Viehherden. Sie waren die hauptsaechlichen Gegner der
> Deutschen.
Waren es nun die arabischen Sklavenhändler oder die Nomaden, die die Feinde der unbescholtenen deutschen Kolonialisten waren? Wieviele Opfer dürfen es dann sein? Vielleicht "nur" 150.000?
>Wer sich allen Ernstes anmasst, die
> Problematik der ethnischen innerafrikanischen Konflikte genau
> bewerten zu koennen, der sei nur an das Drama zwischen Hutu und
> Tutsi erinnert.
Der Konflikt zwischen den Hutu und den Tutsi ist ein typisch postkolonialer, und zwar ein von der belgischen Kolonialverwaltung verursachte. Die Hutu waren ein starkes, führendes Volk - und nicht den Belgiern zugetan. Also haben diese mit dem Volk der Tutsi kollaboriert, das traditionell nicht so stark war - dabei wurden auch alte Territorialgrenzen verletzt. Es kam zu einem ethnisch-politischen Konflikt, das bis heute andauert.
Mit Interesse las ich auch auf dieser Webseite, wie der Ethnologe Fabian einen anderen Konflikt nachweist, der sich in den fünfziger Jahren in einem Massaker entlud. Wissmann hatte sich mit dem Volk und dem Häuptling der Bene Diamba angefreundet. Als die Interessen der Kolonialverwaltung dieser Freundschaft entgegenstanden, hat Wissmann seine 'Freunde' sofort fallengelassen. Ein anderes Volk wurde auch in diesem Falle bevorzugt, und es kam 50 Jahre später zu einem postkolonialen Konflikt.
> Lieber Michael1, liebe Julia, ohne euch zu nahe treten zu
> wollen, ABER sich so wenig zu einem Thema zu informieren und
> dann mit dermassen schroffen Anklagen zu kommen, das ist leider
> genau die Definition von "Ignoranz".
> Die Gegenseite nicht argumentativ zu widerlegen, ist
> "Einseitigkeit".
Genau das tue ich hier - argumentativ widerlegen. Anklagen sind nicht - wie Sie sagen - Ignoranz, sondern politisches und emotionales Engagement. Und Ihre Meinung ist nicht die einzig Wahre.
> Leider ist diese Behandlung unserer Geschichte inzwischen Mode
> geworden. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf.
Was heisst "Behandlung unserer Geschichte ist Mode geworden"? Auf was geben Sie die Hoffung nicht auf? Darauf, dass alle Menschen Ihrer Meinung sind? Sie sind beileibe nicht der Einzige, der Geschichte interpretiert. Das tun wir alle. Mit unterschiedlichen Auffassungen. Am liebsten im Besitz von profunden Kenntnissen. Es gibt keine lediglich einzige, 'wahre' Interpretation. Die jüngere Generation der Historiker ist allgemein nicht Ihrer Ansicht, um das hier ganz deutlich zu sagen.
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