Autor: Initiative
Datum: 25.02.2005 13:02
Sehr geehrte Damen und Herren,
die Initiative "Versöhnen und Erinnern - deutscher Kolonialismus" setzt sich für eine nachhaltige Erinnerungs- und Versöhnungspolitik der BRD in Bezug auf seine koloniale Vergangenheit ein.
Wir begrüßen es sehr, dass der deutsche Bundestag einen Beschluss "Zum
Gedenken an die Opfer des Kolonialkriegs im damaligen
Deutsch-Südwestafrika" verabschiedet hat. Nicht zuletzt diese Initiative
hat den Weg zu einer Versöhnungspolitik bereitet, die von gegenseitigem
Respekt und Achtung der Würde geprägt ist, so wie sie in der Rede von
Bundesentwicklungsministerin Wieczorek-Zeul in Namibia im August 2004
zum Ausdruck gebracht wurde. Die Reaktionen der anwesenden Herero
zeigten, dass sie bereit waren, die symbolische Geste und die Bitte um
Vergebung durch Frau Wieczorek-Zeul anzuerkennen und gemeinsam die
zukünftigen Beziehungen konstruktiv zu gestalten.
Im Gegensatz zu dem Beschluss des Bundestages hat sich durch die
Auseinandersetzungen mit den Herero gezeigt, dass Deutschland sich von
seiner kolonialen Vergangenheit nicht einfach durch den Verweis auf
Entwicklungshilfezahlungen freikaufen kann, sondern dass eine aktive und
langfristige Auseinandersetzung mit der geteilten Vergangenheit nötig
ist und von Betroffenen in den ehemaligen deutschen Kolonien
eingefordert wird. Das koloniale Gedenkjahr 2004 hat eine breitere
Öffentlichkeit in Deutschland für das Thema deutscher Kolonialismus
sensibilisiert. Wir begrüßen dies, da so ein neuer kritischer Diskurs
entstanden ist.
An dieser Stelle sehen wir zwei Gefahren:
Auf der einen Seite hat die Auseinandersetzung Opfer-Täter Rollen
festgeschrieben. Die Herero erscheinen als die absoluten Opfer und die
Deutschen als die absoluten Täter. Das Phänomen des Kolonialismus lässt
sich aber nicht auf diese Dichotomien reduzieren, sondern brachte
komplexe und ambivalente Machtstrukturen hervor, die sich räumlich und
zeitlich stark unterschieden.
Zum zweiten wurde bisher nur auf die deutsche koloniale Vergangenheit in Namibia fokussiert. Der deutsche Kolonialismus existierte aber nicht nur
dort, sondern auch im heutigen Togo, in Teilen Ghanas, in Kamerun, in
Tansania, Burundi und Ruanda, auf einigen pazifischen Inseln (Samoa,
Neuguinea), sowie die "Pachtgebiete" in China. In allen diesen Gebieten
wurden Kriege - häufig mit genozidalem Charakter - gegen die
Bevölkerungen geführt. Besonders zu erwähnen ist sicher der
Maji-Maji-Krieg im damaligen Deutsch-Ostafrika (heute Tansania), dem in
diesem Jahr gedacht wird.
Es ist in Historikerkreisen völlig unumstritten, dass die Folgen dieses
Krieges noch verheerender waren, als die des Kolonialkrieges in
Deutsch-Südwestafrika: Die Zahlen schwanken zwischen 75.000 und 300.000 Toten; in einigen Gebieten wurde die Bevölkerungszahl auf die Hälfte reduziert. Die meisten Opfer und auch der "Sieg" wurden durch die
"verbrannte-Erde-Taktik" der deutschen Schutztruppe, durch gezieltes
Aushungern und die Vernichtung von Nahrungsmitteln und Dörfern
herbeigeführt. Es gibt eine lange Liste von mittleren und kleineren
Kriegszügen der Schutztruppen, die auf ähnlicher Taktik beruhten, z.B.
im Cross River Gebiet Kameruns 1904, wo ein Kolonialkrieg stattfand, an
den hundert Jahre später in Deutschland nicht erinnert wurde.
Neben den direkten Opfern durch Kriege wurde jedoch auch indirekte
Gewalt ausgeübt, deren Folgen sowohl in der Geschichte als auch in der
Gegenwart ebenso deutlich spürbar bleiben. Hierunter fallen als
herausragende Beispiele Zwangsarbeit, Landenteignung und Umsiedlungen, die als die eigentlichen Ziele deutscher Kolonialpolitik gelten müssen. Beispielhaft kann hier der Einzelfall des Rudolf Manga Bell genannt
werden, der mittels Petitionen an den deutschen Reichstag gegen
Zwangsumsiedlung der Einwohner von Douala in Kamerun kämpfte. Zwar
gelang es ihm, im Reichstag Fürsprecher zu gewinnen, doch begünstigt
durch den Ausbruch des ersten Weltkriegs wurde er von einem deutschen
Gericht in Kamerun wegen "Hochverrat" zum Tode verurteilt. Das Urteil
wurde eilig vollstreckt, obwohl die Beweise dafür - auch nach damaligem
Rechtsstandard - nicht ausreichten.
Der Fall Rudolf Manga Bell ist als ein deutscher Justizmord in die Geschichte eingegangen. Er wurde bis heute nicht öffentlich rehabilitiert, was heute von den Nachkommen Manga Bells mit Bedauern und Unverständnis zur Kenntnis genommen wird.
Eine Grundvoraussetzung für eine nachhaltige Versöhnungspolitik ist
zunächst einmal, die historische Wirklichkeit zur Kenntnis zu nehmen, um
eine möglichst breite Debatte über die materiellen und mentalen Folgen
des deutschen Kolonialismus zu ermöglichen. Diese Debatte muss auf
vielen gesellschaftlichen Ebenen in Deutschland und in denjenigen
Staaten geführt werden, die aus den Kolonien hervorgegangen sind. Wir
sind der Meinung, dass die Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte
und ihrer Wirkungen in ähnlicher Weise erfolgen sollte, wie die des Holocaust.
Die Diskussion aktueller Forschungsergebnisse hat gezeigt, dass es
Kontinuitätslinien von kolonialer zu nationalsozialistischer Biopolitik
gab. Die Vernetzung, Diskussion und Vertiefung dieser Forschung steht
noch aus, ebenso wie die Integration der Diskussionen in das Zentrum
deutscher Vergangenheitspolitik.
Im imperialen Zeitalter, dem Beginn der Globalisierung, entstanden die
europäischen nationalen und rassischen Identitäten. Afrika wurde schon
seit der Aufklärung als das Andere Europas konstruiert. Mit den
Kontinuitäten dieser Geschichte sind wir in Deutschland und der Welt bis
heute konfrontiert. Sie erschweren ein friedliches Zusammenleben
Menschen verschiedener Herkunft und den respektvollen Umgang miteinander.
Ein erstes konkretes Anliegen unserer Initiative ist darüber hinaus die
öffentliche und symbolische Rehabilitierung Rudolf Manga Bells in
Deutschland und Kamerun.
Viele Grüße
(Initiative "Versöhnen und Erinnern - deutscher Kolonialismus")
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