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Autor: Wechselbad
Datum: 10.11.2004 12:11
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»Weihnachten 1940« stand vorn im Buch. Ein Geschenk meines Großvaters an meinen Vater. Der alte Grill konnte es nie verwinden, dass dem Deutschen Reich nach dem Ersten Weltkrieg die Kolonien weggenommen worden waren. Er schimpfte wie viele seiner Nazi-Genossen in der Weimarer Zeit über den »Schandfrieden von Versailles« und über die »Kolonialschuldlüge«. Zurück die deutschen Ostgebiete! Wir wollen unsere Kolonien wiederhaben! Der Revisionismus sollte auch die nationalsozialistische Barbarei überdauern, und so fragte mein Vater mich, wie ihn sein Vater gefragt hatte: Welcher ist der höchste Berg Deutschlands? Die Zugspitze? I wo. Der Großglockner? Auch nicht. Es ist der Kilimandscharo in Deutsch-Ostafrika, und ich lernte, seine beiden Gipfel, den Kibo und den Mawenzi, zu benennen. Winnetou, der edle Apache, war der größte Held meiner Kindheit. Aber Afrika, das lockte noch viel mehr als das Amerika der Indianer. Der Kongo! Timbuktu! Sansibar! Die sagenumwobenen Mondberge! Das waren die Projektionsflächen allen kindlichen Fernwehs, die Inbegriffe der Fremde, der Urnatur, der exotischen Gegenwelt. Und geradezu zwangsläufig sollte mich im Jahre 1980 die erste Reise nach Afrika in das Land unter dem Kilimandscharo führen. Meine Motive waren freilich ganz andere als die der Vorväter: Ein bisschen Abenteuer und viel Solidarität mit den »Verdammten dieser Erde«.
Aus dem Staat, der unterdessen Tansania hieß, wurden revolutionäre Dinge berichtet. Wir hörten von einem afrikanischen Sozialismus, von einem Dritten Weg zwischen dem repressiven Sowjetkommunismus und dem räuberischen Kapitalismus. Wir studierten die Texte von Präsident Julius Nyerere, der ehrfürchtig mzee genannt wurde, großer Lehrer. Die Schlüsselbegriffe seiner Philosophie hatten den Klang von politischen Mantras: Self reliance, mit eigenen Kräften die Unterentwicklung überwinden, und ujamaa, gemeinsam leben und arbeiten, eine politische Maxime, die die Traditionen der Dorfgemeinschaft mit einem modernen Genossenschaftswesen verband. Dort unten brannte uhuru, die Fackel der Freiheit, dort mussten wir hin.
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http://www.berlinerliteraturkritik.de/index.cfm?id=7833htm
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09.11.2004 10:37 |
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