Autor: Uwe Niedrdraeing
Datum: 16.10.2004 13:32
Lieber Michael, liebe Julia1,
zum Thema "einseitig und ignorant" gehe ich mal die "Biographie" durch, die diese Webseite von Wissmann erstellt hat. Ich hoffe, ihr meint nicht das mit den "Ergebnissen der Geschichtswissenschaft", die man "annehmen" soll.
Das wird etwas laenger, aber es ist ja auch viel zitiert.
"1881-82 durchquerte Wißmann als 'Afrikaforscher' mit Paul Pogge Luanda und Angola bis zur Ostküste. Im Auftrag des belgischen Königs Leopold II, der handfeste Interessen an Bodenschätzen und neuen Handelswegen in den in seinem Privatbesitz befindlichen Kolonien hatte, erforschte Wißmann Zentralafrika und durchreiste 1886-87 das südliche Afrika noch einmal."
Ist er dann ein "Forscher" oder ein Forscher, ganz ohne Anfuehrungsstriche? Hmmm, jemand der erforscht, ist wohl als Forscher anzusehen.
"Auch die hanseatischen Kaufleute und Reeder hatten schon im 18. Jahrhundert Afrika als Ressource für Bodenschätze und Arbeitskräfte entdeckt. Der sog. 'Dreieckshandel' zwischen Afrika, Lateinamerika und Hamburg - auch mit Sklaven - blühte."
Nach Deutschland sind mit Sicherheit keine Sklaven exportiert worden. Die Einzeltaten von Geschaeftsleuten tun nichts in der Biographie Wissmanns zur Sache. Oder ist Joschka Fischer verantwortlich, wenn Deutsche Firmen Waffen in den Irak liefern?
"Carl Peters war nach Afrika gezogen, um sich dort "einen Staat nach meinem Geschmack zu gründen". Mit betrügerischen 'Schutzverträgen' hatte der 'Hänge-Peters' genannte große Gebiete für die 'Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft' zusammengerafft und träumte fortan von einer deutschen Großkolonie, die sich als breiter Gürtel über ganz Zentralafrika bis hin zur Westküste erstrecken würde."
Von allen in der gesamten Kolonialzeit ausgefertigten Abkommen, waren die deutschen Schutzvertraege die einzigen, die nicht unter Gewaltandrohung zustandegekommen sind, wobei ich aber einschraenkend betone, dass sie nach heutigen Standards durchfallen wuerden.
Allerdings ist es mehr als fragwuerdig, eine solch hohe Geschaeftsmoral an die Verhaeltnisse von vor hundert Jahren anzulegen, wenn sich nicht einmal heute die Menschen daran halten!
"1885 rief Bismarck das deutsche Protektorat aus. Heftige Widerstände der Kolonisierten im Landesinnern und an der Küste wurden unter der Leitung des Majors von Wißmann zurückgeschlagen."
Totaler Schwachsinn. Der Widerstand wurde vom Sultan von Sansibar geplant und von Bana Heri und Buschiri, einem Araber und einem Halb-Araber angefuehrt. Der Aufstand brach 1888 aus. Bana Heri und seine Armee wurden als Kombattanten behandelt. Buschiri, der sich hauptsaechlich durch Pluenderungen und Terror gegen die Zivilbevoelkerung auszeichnete, wurde als Verbrecher angesehen und gehenkt.
Die arabischen Aufstaendischen hatten hoechsten Respekt vor den Deutschen. Die lokalen Afrikaner (die 90prozentige Mehrheit der Kolonialisierten) sowieso, da sie durch Wissmann vom Joch der Sklaverei befreit wurden. Wissmann setzte sich uebrigens auch nach seiner Rueckkehr energisch gegen die Sklaverei ein.
Wer meint, dass die zugegebenermassen ausbeuterischen Methoden der Deutsch-Ostafrikanishen Gesellschaft dasselbe seien, wie Sklaverei, der hat keine Ahnung. Zu den harten koerperlichen Arbeiten der "Zwangsarbeit" kommen in der Sklaverei noch alltaegliche Bedrohung des Lebens, Verschleppung, Unterernaehrung, Misshandlung uva.
Lassen wir mal eine repraesentative Stimme zu Wort kommen:
Prof. Dr. Hermann v. Wißmann aus Tübingen, ein Sohn Wißmanns, schrieb anläßlich der Stürzung des Denkmals vor der Hamburger Universität am 15.9.1968 unter anderem:
"Bezeichnend ist die Einstellung des derzeitigen Staatspräsidenten von Tansania, Nyerere. Als dieser vor einigen Jahren in der Bundesrepublik war, wurde er vor seinem Abflug von einem Reporter des deutschen Fernsehens befragt, warum gerade die Bundesrepublik das erste Land war, das er in Europa besuchte. Er antwortete, dies sei doch selbstverständlich, habe doch sein Stamm einst Blutsbrüderschaft mit Hermann von Wißmann geschlossen. In einem Briefwechsel schreibt Nyere mir, bei einem nächsten Aufenthalt in Deutschland würde er gern mein Gast sein..."
" Von 1888-91 war Wißmann Reichskommissar in Deutsch-Ostafrika. In dieser Zeit bildete er als Kommandant eine 'Schutztruppe' mit insgesamt 1000 Askari-Soldaten aus Mosambique und dem Sudan."
Diese Truppe wurde zur Niederwerfung des oben und unten erwaehnten Aufstandes gebildet. Um Greueltaten gegen die Zivilbevoelkerung und Gefangenen entgegenzuwirken, wurden zwei verschiedene Ethnien fuer die Truppe ausgewahlt, deren Soldaten jeweils fuer andere Faehigkeiten bekannt waren.
"Wißmann schlug den sog. 'Araberaufstand' nieder. Weil er gegen arabische Sklavenhändler kämpfte, verklärten ihn koloniale Verbände zum 'Sklavenbefreier'."
Es handelt sich um den oben erwaehnten Aufstand. Der Artikel erweckt den Eindruck, es handle sich um verschiedene Aufstaende. Unerwaehnt bleibt, dass in seiner Zeit als Afrikaforscher Wissmann als erster Europaer galt, der Afrika durchquert hatte, ohne jemals von Gewalt Gebrauch zu machen.
"Vielmehr ging es aber darum, den deutschen Einflußbereich zu vergrößern. "
Falscher Kausalzusammenhang. Die Erweiterung des Deutsche Kolonialbesitzes war ein generelles Ziel der Aussenpolitik, allerdings ging es bei der Aufstandsbekaempfung hauptsaechlich um die Wiederherstellung der Macht in den bereits kolonisierten Gebieten. Eine Erweiterung des Deutschen Einflussbereiches wurde hauptsaechlich mit friedlichen Mitteln, durch Bestechungen und Vertraege, vorangetrieben. Die Kampfhandlungen wurden nicht von Deutschland begonnen. Eine Erweiterung des Deutschen Einflusses ohne Absprache mit anderen Imperien durch reine Eroberung waere sowieso nicht moeglich gewesen.
"Die auf die Sklaverei folgende 'Kontraktarbeit', die die deutsche Kolonialverwaltung einführte, unterschied sich kaum von Leibeigenschaft. Die neuen Kolonialherren ließen Straßen und Eisenbahnen bauen, führten die Monokultur in der Landwirtschaft ein, zerstörten die Selbstversorgungswirtschaft und regierten brutal und rigide."
Leibeigenschaft aehnelt Kontraktarbeit ABER NICHT Sklaverei. Den Bau von Infrastruktur kann man den Deutschen wohl kaum anlasten, vor allem nicht unter Herbeizitierung eines Umweltschutzgedankens. Das ist absurd! Ganz abgesehen davon gilt Wissmann, gerade Wissmann, als Begruender des ostafrikanischen Tierschutzes, sicherlich, um eine gemaessigte Jagd weiterhin zu ermoeglichen, denn besonders die Elefantenbestaende waren dem Aussterben nahe. Allerdings beinhalten seine Ausfuehrungen auch immer den Schutz und den Wert der lebendigen Kreatur. Wer mehr von einem Menschen des Neunzehnten Jahrhunderts erwartet... Jedenfalls waren Wissmanns aktive Beitraege zum Tierschutz mehr wert als 90 Prozent der heutigen Lippenbekenntnisse. Ich moechte auch darauf hinweisen, dass selbst heute noch viele Umweltschuetzer mit einer starken Motivation fuer eine "lebenswerte Umwelt", also ein "egoistisch-menschliches" Ziel arbeiten.
"Die 'Wißmanntruppe' bekämpfte afrikanische Stämme, die sich gegen Enteignung von Land und Vieh und Zwangsarbeit zur Wehr setzten. Mordend und brandschatzend zog er mit seinen Soldaten durch Dörfer. Schätzungsweise 250.000 Menschen, hauptsächlich Afrikaner, starben bei diesen Auseinandersetzungen."
Unverschaemte Luegen, die ich am liebsten gar nicht kommentieren wuerde. Die Opferzahlen sind falsch. Die allermeisten dar spaeteren Kaempfe in Deutsch-Ostafrika wurden aufgrund des Konfliktes zwischen ackerbautreibenden Staemmen und nomadisierenden Viehzuechtern ausgetragen. Die kriegerischen Nomaden verheerten das Land durch ihre Viehherden. Sie waren die hauptsaechlichen Gegner der Deutschen. Die Wissmanntruppe mag bei deren Bekaempfung eingesetzt worden sein, ihr Chef war aber bereits auf dem Rueckweg nach Deutschland. Wer sich allen Ernstes anmasst, die Problematik der ethnischen innerafrikanischen Konflikte genau bewerten zu koennen, der sei nur an das Drama zwischen Hutu und Tutsi erinnert.
"1895-96 übernahm Wißmann den Gouverneurssitz in Deutsch-Ostafrika. Gesundheitliche Gründe zwangen ihn zur Rückkehr nach Europa, wo er auf seinem Gut in Steiermark bei einem Schuß aus eigenem Gewehr ums Leben kam."
Stimmt sogar mal.
"In seiner Garnisonszeit galt er als der 'tolle Wißmann'. Wegen verschiedener Trunkenheitsdelikte, einem Pistolenduell und anderer Eskapaden wurde er zu einer Festungshaft verurteilt."
Was soll damit ausgesagt werden? Ist Wissmann jetzt etwa ein Held, weil er die "militaristischen Grundsaetze des rassistischen deutschen Militaers" missachtete? (Achtung, Ironie, kein Zitat!)
Oder ist er nicht ein Eisenfresser und fanatisch ergeber Scherge des deutschen Imperialismus? In Wahrheit, so bleibt festzustellen, sagt diese Passage nichts ueber Wissmanns Charakter aus. Denn schon der geringste Verstoss gegen die Disziplin wurde im kaiserlichen Militaer hart bestraft. Gerade deswegen kam es ja auch so selten zu Uebergriffen gegen die Zivilbevoelkerung.
"Wißmann hat ein 'Handbuch für Kolonialbeamte' und einige Reisestudien für seine Auftraggeber geschrieben. Sein Text 'Zur Behandlung des Negers' zeigt deutlich, welche rassistischen Vorurteile er hegte. Zitate"
Ueber die Mentalitaet des Neunzehnten Jahrhunderts zu spekulieren, ist meine Sache nicht. Vielleicht kommt der eine oder andere Berufsgutmensch mal auf den Boden der Tatsachen zurueck. Selbst Karl Marx hat einmal verlauten lassen, dass er die Ausrottung der Indianer als notwendigen Schritt in der Entwicklung der Menschheit sieht.
"Fabian1 beschäftigt sich mit Wißmanns Drogenerfahrungen und stellt die 'neutrale Wissenschaftlichkeit' von Reisestudien, die bekiffte oder mit Fieber geplagte Forschungsreisende geschrieben hatten, grundsätzlich in Frage. "
Ich stelle die neutrale Wissenschaftlichkeit von Autoren, die sich "Fabian1" nennen, grundsaetzlich in Frage.
{...} Ich lasse ein bedeutungsloses Zitat aus.
"Wißmann verbrachte insgesamt fünf Jahre als Gast bei den Bene Diamba und schloß Blutsbrüderschaft mit dem mächtigen, aufgeklärten Häuptling Kalamba Mukenge."
Na, also.
"Sofort ließ er jedoch seine Freunde fallen, als es ihm kolonialpolitisch opportun erschien. So ließ die Begeisterung für Europäer beim Häuptling und Volk rapide nach. Die Enttäuschung und das Mißtrauen trugen später zu einer der konfliktreichsten ethnischen Auseinandersetzungen bei."
Dazu haben wir ja oben das Zitat von Praesident Nyerere gelesen.
"Wißmanns Auftraggeber, die belgische Kolonialverwaltung, setzte auf andere Stämme, die freundlicher gesinnt waren und ignorierte dabei ältere territoriale Rechte. 1959 entlud sich der Konflikt in einem Massaker - eine der vielen postkolonialen Konflikte in Afrika, die bis heute auswirken."
Das hat weder etwas mit Wissmanns Charkter, noch mit Wissmann, sondern mit der despotischen belgischen Kolonialpolitik zu tun.
"Um den Tod von Wißmann ranken sich Legenden. War er der 'Kolumbusnatur' nach der 'Alexanderart', ein Mann 'mit zehn Sinnen und vierzigfachem Verstande', wie in Nachrufen beschrieben? Starb er bei einem Jagdunfall oder hat er sich doch umgebracht? Speitkamp2 zeigt, dass sich Wissmann, wie viele andere 'Afrikapioniere' seiner Zeit, letzten Endes von der Reichsregierung im Stich gelassen fühlten, als diese die Kolonialbegeisterung nicht teilte und ihre Taten nicht gebührend feierte."
Genau wie heutzutage, wo Denkmaeler umgerissen werden, statt Kraenze davor niederzulegen. Speitkamp2, Danke sehr, du entlastest mal das Deutsche Reich.
Die Geschichtslosigkeit und blindwuetige Zerstoerung erinnert mich persoenlich z.B. an die Buddhastatuen von Bamiya, die von den ignoranten und einseitigen Taliban zerstoert wurden.
"War er also in Wirklichkeit ein enttäuschter, gesundheitlich angeschlagener und morphiumsüchtiger Mann, der im Rausch seinem Leben ein Ende gesetzt habe, wie ihn ein Nachruf schildert?"
Das ist "Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener."
Lieber Michael1, liebe Julia, ohne euch zu nahe treten zu wollen, ABER sich so wenig zu einem Thema zu informieren und dann mit dermassen schroffen Anklagen zu kommen, das ist leider genau die Definition von "Ignoranz".
Die Gegenseite nicht argumentativ zu widerlegen, ist "Einseitigkeit".
Leider ist diese Behandlung unserer Geschichte inzwischen Mode geworden. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf.
Uwe Niederdraeing
PS.: Bitte die Rechtschreibfehler und die umlautlose Schreibung zu entschuldigen.
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