|
Autor: StandArt°
Datum: 09.11.2004 10:37
Österreicher gewinnt europäischen Dokumentarfilmpreis 2004
"Darwin's Nightmare" von Hubert Sauper ist ein verstörendes Porträt der afrikanische Region rund um den Victoriasee
Link
"Darwin's Nightmare"
Berlin - Der österreichische Regisseur Hubert Sauper hat mit seinem Streifen "Darwin's Nightmare" den europäischen Dokumentarfilmpreis gewonnen. Die nicht dotierte Auszeichnung wird von der Europäischen Filmakademie (Berlin) gemeinsam mit dem europäischen Kultursender Arte vergeben. Die beim diesjährigen Filmfestival in Venedig uraufgeführte österreichisch-französisch-belgische Koproduktion handelt, wie die Filmakademie am Montag mitteilte, "von den Menschen, von der Globalisierung und von Fischen" am Beispiel der Lebensbedingungen am Victoriasee in Tansania und Kenia.
Waffenschmuggel
Der 1966 in Tirol geborene Sauper hat in Wien und Paris Filmregie studiert und lebt seit zehn Jahren in Frankreich. Bekannt wurde er mit der Dokumentation "Kisangani Diary" (1998), in der es um Flüchtlinge aus Ruanda geht. "Darwin's Nightmare" ist ein verstörendes Porträt der afrikanische Region rund um den Victoriasee, in der Waffenschmuggel eine wichtige Rolle spielt. Er verzichtet auf einen erklärenden Kommentar und arbeitet mit "blanken Bildern", wie der Regisseur es im Sommer im Gespräch mit der APA formulierte. Sechs Monate lebte Sauper am Victoriasee und recherchierte für seinen Film. Statt einfache Lösungen anzubieten, versucht Sauper das "Gesicht des Dilemmas in seiner Komplexität" einzufangen.
Bereist in Venedig ausgezeichnet
Der Streifen wurde bereits in Venedig mit den Preis "Europa Cinemas - Venice Days Label" ausgezeichnet und erhielt vor wenigen Tagen bei der Viennale den Wiener Filmpreis. Die Verleihung des europäischen Dokumentarfilmpreises findet zusammen mit den Auszeichnungen für den besten europäischen Spielfilm und die besten Darsteller am 11. Dezember in Barcelona statt. (APA/dpa)
DARWIN'S NIGHTMARE
Seit auf Anordnung der britischen Kolonialverwaltung der Nil-Barsch im Victoriasee in Tansania ausgesetzt wurde, ist das ökologische Gleichgewicht am Kippen. Und obwohl täglich Tonnen von teuren Nilbarsch-Filets exportiert werden, haben sich die Lebensbedinungen für die Bewohner radikal verschlechtert. Durch jahrelange, gefährliche Recherchen und Dreharbeiten gelang es Sauper, die gespenstischen Auswirkungen einseitigen Profits ebenso ungeschönt darzustellen wie die Weigerung der Exportdestination EU und der lokalen Regierung, diese Konsequenzen wahrzunehmen.
Zunächst geht es (nur) um einen großen Fisch: den Nil- beziehungsweise Viktoriabarsch. Er wurde in afrikanischen Gewässern ausgesetzt und behauptete sich am Ende der Nahrungskette. Der Raubfisch gibt in Darwins Nightmare ein treffendes Bild ab für die Mechanismen im Verhältniss zwischen Erster und Dritter Welt: In Tansania ist der Barsch nämlich längst zur wichtigsten Einkommensquelle geworden. Täglich landen hier Flugzeuge, um Fischfilets in westliche Industrieländer zu exportieren; für die heimische Bevölkerung bleiben nur Fischköpfe zurück, die von Müllhalden aufgelesen und selbst madendurchsetzt noch verzehrt werden.
Sauper setzt nüchtern und minutiös mehrere Ebenen miteinander in Beziehung, er zeigt die Wechselwirkungen einer globalen Ökonomie: Mittels Interviews und eindringlicher Szenen, in denen das Umfeld des vermeintlichen Fisch-Eldorados erkundet wird, demonstriert er, dass von der Fischproduktion nur wenige profitieren, während Prostitution und Drogenkonsum auf den Straßen immer mehr zunehmen.
Den schockierendsten Einblick in diese fragwürdigen ökonomischen Beziehungen hebt sich Sauper bis zum Ende auf: Er provoziert die Aussage, dass die russischen Flugzeuge in Afrika nicht ohne Ladung ankommen. Schließlich spricht es ein Pilot dann aus: Er habe meist Waffen an Bord. Nicht nur der See ist in Tansania aus dem Gleichgewicht, sondern das ganze Land. (Dominik Kamalzadeh)
HUBERT SAUPER
Geboren 1966 in Kitzbühel, Tirol. Studium der Filmregie an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Wien und an der Universität Paris VIII. Filme: Blasi (1990, KF), On the Road with Emil (1993, KF), So I Sleepwalk in Broad Daylight (1994), Lomographers Moscow (1995; KF), Kisangani Diary (1997), Alone with Our Stories Seules avec nos histoires (2000). Lebt in Paris.
http://www.viennale.at/deutsch/programm/filme/1385.shtml
|
|
  |
Rubrik für Dokus, Filmdiskurs, Literatur and more |
|
StandArt° |
09.11.2004 10:37 |
|
Wechselbad |
10.11.2004 12:11 |
|
Kontorhaus Hamburg |
14.11.2004 22:27 |
|
Enzian |
19.11.2004 19:53 |
|
|