Autor: Klaus Pauli
Datum: 09.11.2004 23:58
Lieber Uwe Niederdraeing,
ich möchte mich im Namen aller Enkel des Hermann von Wissmann für ihre ausführliche Richtigstellung herzlichst bedanken.
Klaus PauliUwe Niedrdraeing schrieb:
> Lieber Michael, liebe Julia1,
>
> zum Thema "einseitig und ignorant" gehe ich mal die
> "Biographie" durch, die diese Webseite von Wissmann erstellt
> hat. Ich hoffe, ihr meint nicht das mit den "Ergebnissen der
> Geschichtswissenschaft", die man "annehmen" soll.
>
> Das wird etwas laenger, aber es ist ja auch viel zitiert.
>
> "1881-82 durchquerte Wißmann als 'Afrikaforscher' mit Paul
> Pogge Luanda und Angola bis zur Ostküste. Im Auftrag des
> belgischen Königs Leopold II, der handfeste Interessen an
> Bodenschätzen und neuen Handelswegen in den in seinem
> Privatbesitz befindlichen Kolonien hatte, erforschte Wißmann
> Zentralafrika und durchreiste 1886-87 das südliche Afrika noch
> einmal."
>
> Ist er dann ein "Forscher" oder ein Forscher, ganz ohne
> Anfuehrungsstriche? Hmmm, jemand der erforscht, ist wohl als
> Forscher anzusehen.
>
>
> "Auch die hanseatischen Kaufleute und Reeder hatten schon im
> 18. Jahrhundert Afrika als Ressource für Bodenschätze und
> Arbeitskräfte entdeckt. Der sog. 'Dreieckshandel' zwischen
> Afrika, Lateinamerika und Hamburg - auch mit Sklaven - blühte."
>
>
> Nach Deutschland sind mit Sicherheit keine Sklaven exportiert
> worden. Die Einzeltaten von Geschaeftsleuten tun nichts in der
> Biographie Wissmanns zur Sache. Oder ist Joschka Fischer
> verantwortlich, wenn Deutsche Firmen Waffen in den Irak
> liefern?
>
> "Carl Peters war nach Afrika gezogen, um sich dort "einen Staat
> nach meinem Geschmack zu gründen". Mit betrügerischen
> 'Schutzverträgen' hatte der 'Hänge-Peters' genannte große
> Gebiete für die 'Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft'
> zusammengerafft und träumte fortan von einer deutschen
> Großkolonie, die sich als breiter Gürtel über ganz
> Zentralafrika bis hin zur Westküste erstrecken würde."
>
> Von allen in der gesamten Kolonialzeit ausgefertigten Abkommen,
> waren die deutschen Schutzvertraege die einzigen, die nicht
> unter Gewaltandrohung zustandegekommen sind, wobei ich aber
> einschraenkend betone, dass sie nach heutigen Standards
> durchfallen wuerden.
> Allerdings ist es mehr als fragwuerdig, eine solch hohe
> Geschaeftsmoral an die Verhaeltnisse von vor hundert Jahren
> anzulegen, wenn sich nicht einmal heute die Menschen daran
> halten!
>
> "1885 rief Bismarck das deutsche Protektorat aus. Heftige
> Widerstände der Kolonisierten im Landesinnern und an der Küste
> wurden unter der Leitung des Majors von Wißmann
> zurückgeschlagen."
>
> Totaler Schwachsinn. Der Widerstand wurde vom Sultan von
> Sansibar geplant und von Bana Heri und Buschiri, einem Araber
> und einem Halb-Araber angefuehrt. Der Aufstand brach 1888 aus.
> Bana Heri und seine Armee wurden als Kombattanten behandelt.
> Buschiri, der sich hauptsaechlich durch Pluenderungen und
> Terror gegen die Zivilbevoelkerung auszeichnete, wurde als
> Verbrecher angesehen und gehenkt.
> Die arabischen Aufstaendischen hatten hoechsten Respekt vor den
> Deutschen. Die lokalen Afrikaner (die 90prozentige Mehrheit der
> Kolonialisierten) sowieso, da sie durch Wissmann vom Joch der
> Sklaverei befreit wurden. Wissmann setzte sich uebrigens auch
> nach seiner Rueckkehr energisch gegen die Sklaverei ein.
> Wer meint, dass die zugegebenermassen ausbeuterischen Methoden
> der Deutsch-Ostafrikanishen Gesellschaft dasselbe seien, wie
> Sklaverei, der hat keine Ahnung. Zu den harten koerperlichen
> Arbeiten der "Zwangsarbeit" kommen in der Sklaverei noch
> alltaegliche Bedrohung des Lebens, Verschleppung,
> Unterernaehrung, Misshandlung uva.
>
> Lassen wir mal eine repraesentative Stimme zu Wort kommen:
>
> Prof. Dr. Hermann v. Wißmann aus Tübingen, ein Sohn Wißmanns,
> schrieb anläßlich der Stürzung des Denkmals vor der Hamburger
> Universität am 15.9.1968 unter anderem:
> "Bezeichnend ist die Einstellung des derzeitigen
> Staatspräsidenten von Tansania, Nyerere. Als dieser vor einigen
> Jahren in der Bundesrepublik war, wurde er vor seinem Abflug
> von einem Reporter des deutschen Fernsehens befragt, warum
> gerade die Bundesrepublik das erste Land war, das er in Europa
> besuchte. Er antwortete, dies sei doch selbstverständlich, habe
> doch sein Stamm einst Blutsbrüderschaft mit Hermann von Wißmann
> geschlossen. In einem Briefwechsel schreibt Nyere mir, bei
> einem nächsten Aufenthalt in Deutschland würde er gern mein
> Gast sein..."
>
>
> " Von 1888-91 war Wißmann Reichskommissar in Deutsch-Ostafrika.
> In dieser Zeit bildete er als Kommandant eine 'Schutztruppe'
> mit insgesamt 1000 Askari-Soldaten aus Mosambique und dem
> Sudan."
>
> Diese Truppe wurde zur Niederwerfung des oben und unten
> erwaehnten Aufstandes gebildet. Um Greueltaten gegen die
> Zivilbevoelkerung und Gefangenen entgegenzuwirken, wurden zwei
> verschiedene Ethnien fuer die Truppe ausgewahlt, deren Soldaten
> jeweils fuer andere Faehigkeiten bekannt waren.
>
> "Wißmann schlug den sog. 'Araberaufstand' nieder. Weil er gegen
> arabische Sklavenhändler kämpfte, verklärten ihn koloniale
> Verbände zum 'Sklavenbefreier'."
>
> Es handelt sich um den oben erwaehnten Aufstand. Der Artikel
> erweckt den Eindruck, es handle sich um verschiedene
> Aufstaende. Unerwaehnt bleibt, dass in seiner Zeit als
> Afrikaforscher Wissmann als erster Europaer galt, der Afrika
> durchquert hatte, ohne jemals von Gewalt Gebrauch zu machen.
>
> "Vielmehr ging es aber darum, den deutschen Einflußbereich zu
> vergrößern. "
>
> Falscher Kausalzusammenhang. Die Erweiterung des Deutsche
> Kolonialbesitzes war ein generelles Ziel der Aussenpolitik,
> allerdings ging es bei der Aufstandsbekaempfung hauptsaechlich
> um die Wiederherstellung der Macht in den bereits kolonisierten
> Gebieten. Eine Erweiterung des Deutschen Einflussbereiches
> wurde hauptsaechlich mit friedlichen Mitteln, durch
> Bestechungen und Vertraege, vorangetrieben. Die Kampfhandlungen
> wurden nicht von Deutschland begonnen. Eine Erweiterung des
> Deutschen Einflusses ohne Absprache mit anderen Imperien durch
> reine Eroberung waere sowieso nicht moeglich gewesen.
>
> "Die auf die Sklaverei folgende 'Kontraktarbeit', die die
> deutsche Kolonialverwaltung einführte, unterschied sich kaum
> von Leibeigenschaft. Die neuen Kolonialherren ließen Straßen
> und Eisenbahnen bauen, führten die Monokultur in der
> Landwirtschaft ein, zerstörten die Selbstversorgungswirtschaft
> und regierten brutal und rigide."
>
> Leibeigenschaft aehnelt Kontraktarbeit ABER NICHT Sklaverei.
> Den Bau von Infrastruktur kann man den Deutschen wohl kaum
> anlasten, vor allem nicht unter Herbeizitierung eines
> Umweltschutzgedankens. Das ist absurd! Ganz abgesehen davon
> gilt Wissmann, gerade Wissmann, als Begruender des
> ostafrikanischen Tierschutzes, sicherlich, um eine gemaessigte
> Jagd weiterhin zu ermoeglichen, denn besonders die
> Elefantenbestaende waren dem Aussterben nahe. Allerdings
> beinhalten seine Ausfuehrungen auch immer den Schutz und den
> Wert der lebendigen Kreatur. Wer mehr von einem Menschen des
> Neunzehnten Jahrhunderts erwartet... Jedenfalls waren Wissmanns
> aktive Beitraege zum Tierschutz mehr wert als 90 Prozent der
> heutigen Lippenbekenntnisse. Ich moechte auch darauf hinweisen,
> dass selbst heute noch viele Umweltschuetzer mit einer starken
> Motivation fuer eine "lebenswerte Umwelt", also ein
> "egoistisch-menschliches" Ziel arbeiten.
>
>
> "Die 'Wißmanntruppe' bekämpfte afrikanische Stämme, die sich
> gegen Enteignung von Land und Vieh und Zwangsarbeit zur Wehr
> setzten. Mordend und brandschatzend zog er mit seinen Soldaten
> durch Dörfer. Schätzungsweise 250.000 Menschen, hauptsächlich
> Afrikaner, starben bei diesen Auseinandersetzungen."
>
> Unverschaemte Luegen, die ich am liebsten gar nicht
> kommentieren wuerde. Die Opferzahlen sind falsch. Die
> allermeisten dar spaeteren Kaempfe in Deutsch-Ostafrika wurden
> aufgrund des Konfliktes zwischen ackerbautreibenden Staemmen
> und nomadisierenden Viehzuechtern ausgetragen. Die
> kriegerischen Nomaden verheerten das Land durch ihre
> Viehherden. Sie waren die hauptsaechlichen Gegner der
> Deutschen. Die Wissmanntruppe mag bei deren Bekaempfung
> eingesetzt worden sein, ihr Chef war aber bereits auf dem
> Rueckweg nach Deutschland. Wer sich allen Ernstes anmasst, die
> Problematik der ethnischen innerafrikanischen Konflikte genau
> bewerten zu koennen, der sei nur an das Drama zwischen Hutu und
> Tutsi erinnert.
>
>
> "1895-96 übernahm Wißmann den Gouverneurssitz in
> Deutsch-Ostafrika. Gesundheitliche Gründe zwangen ihn zur
> Rückkehr nach Europa, wo er auf seinem Gut in Steiermark bei
> einem Schuß aus eigenem Gewehr ums Leben kam."
>
> Stimmt sogar mal.
>
> "In seiner Garnisonszeit galt er als der 'tolle Wißmann'. Wegen
> verschiedener Trunkenheitsdelikte, einem Pistolenduell und
> anderer Eskapaden wurde er zu einer Festungshaft verurteilt."
>
> Was soll damit ausgesagt werden? Ist Wissmann jetzt etwa ein
> Held, weil er die "militaristischen Grundsaetze des
> rassistischen deutschen Militaers" missachtete? (Achtung,
> Ironie, kein Zitat!)
> Oder ist er nicht ein Eisenfresser und fanatisch ergeber
> Scherge des deutschen Imperialismus? In Wahrheit, so bleibt
> festzustellen, sagt diese Passage nichts ueber Wissmanns
> Charakter aus. Denn schon der geringste Verstoss gegen die
> Disziplin wurde im kaiserlichen Militaer hart bestraft. Gerade
> deswegen kam es ja auch so selten zu Uebergriffen gegen die
> Zivilbevoelkerung.
>
> "Wißmann hat ein 'Handbuch für Kolonialbeamte' und einige
> Reisestudien für seine Auftraggeber geschrieben. Sein Text 'Zur
> Behandlung des Negers' zeigt deutlich, welche rassistischen
> Vorurteile er hegte. Zitate"
>
> Ueber die Mentalitaet des Neunzehnten Jahrhunderts zu
> spekulieren, ist meine Sache nicht. Vielleicht kommt der eine
> oder andere Berufsgutmensch mal auf den Boden der Tatsachen
> zurueck. Selbst Karl Marx hat einmal verlauten lassen, dass er
> die Ausrottung der Indianer als notwendigen Schritt in der
> Entwicklung der Menschheit sieht.
>
> "Fabian1 beschäftigt sich mit Wißmanns Drogenerfahrungen und
> stellt die 'neutrale Wissenschaftlichkeit' von Reisestudien,
> die bekiffte oder mit Fieber geplagte Forschungsreisende
> geschrieben hatten, grundsätzlich in Frage. "
>
> Ich stelle die neutrale Wissenschaftlichkeit von Autoren, die
> sich "Fabian1" nennen, grundsaetzlich in Frage.
>
> {...} Ich lasse ein bedeutungsloses Zitat aus.
>
> "Wißmann verbrachte insgesamt fünf Jahre als Gast bei den Bene
> Diamba und schloß Blutsbrüderschaft mit dem mächtigen,
> aufgeklärten Häuptling Kalamba Mukenge."
>
> Na, also.
>
> "Sofort ließ er jedoch seine Freunde fallen, als es ihm
> kolonialpolitisch opportun erschien. So ließ die Begeisterung
> für Europäer beim Häuptling und Volk rapide nach. Die
> Enttäuschung und das Mißtrauen trugen später zu einer der
> konfliktreichsten ethnischen Auseinandersetzungen bei."
>
> Dazu haben wir ja oben das Zitat von Praesident Nyerere
> gelesen.
>
> "Wißmanns Auftraggeber, die belgische Kolonialverwaltung,
> setzte auf andere Stämme, die freundlicher gesinnt waren und
> ignorierte dabei ältere territoriale Rechte. 1959 entlud sich
> der Konflikt in einem Massaker - eine der vielen postkolonialen
> Konflikte in Afrika, die bis heute auswirken."
>
> Das hat weder etwas mit Wissmanns Charkter, noch mit Wissmann,
> sondern mit der despotischen belgischen Kolonialpolitik zu tun.
>
> "Um den Tod von Wißmann ranken sich Legenden. War er der
> 'Kolumbusnatur' nach der 'Alexanderart', ein Mann 'mit zehn
> Sinnen und vierzigfachem Verstande', wie in Nachrufen
> beschrieben? Starb er bei einem Jagdunfall oder hat er sich
> doch umgebracht? Speitkamp2 zeigt, dass sich Wissmann, wie
> viele andere 'Afrikapioniere' seiner Zeit, letzten Endes von
> der Reichsregierung im Stich gelassen fühlten, als diese die
> Kolonialbegeisterung nicht teilte und ihre Taten nicht
> gebührend feierte."
>
> Genau wie heutzutage, wo Denkmaeler umgerissen werden, statt
> Kraenze davor niederzulegen. Speitkamp2, Danke sehr, du
> entlastest mal das Deutsche Reich.
> Die Geschichtslosigkeit und blindwuetige Zerstoerung erinnert
> mich persoenlich z.B. an die Buddhastatuen von Bamiya, die von
> den ignoranten und einseitigen Taliban zerstoert wurden.
>
> "War er also in Wirklichkeit ein enttäuschter, gesundheitlich
> angeschlagener und morphiumsüchtiger Mann, der im Rausch seinem
> Leben ein Ende gesetzt habe, wie ihn ein Nachruf schildert?"
>
> Das ist "Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener."
>
> Lieber Michael1, liebe Julia, ohne euch zu nahe treten zu
> wollen, ABER sich so wenig zu einem Thema zu informieren und
> dann mit dermassen schroffen Anklagen zu kommen, das ist leider
> genau die Definition von "Ignoranz".
> Die Gegenseite nicht argumentativ zu widerlegen, ist
> "Einseitigkeit".
>
> Leider ist diese Behandlung unserer Geschichte inzwischen Mode
> geworden. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf.
>
> Uwe Niederdraeing
>
> PS.: Bitte die Rechtschreibfehler und die umlautlose Schreibung
> zu entschuldigen.
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