Jessica Köster, Gewinnerin des
Hamburger Bertini-Preises 2013
> NDR-Kurzfilm
'Gegen die weißen Flecken ankämpfen'
 
 
Das Tagebuch
des Kameruner Prinzen Samson Dido
Eine Schrift, die mehr als Gold wert ist.
 
Das fiktive Tagebuch beschreibt Erlebnisse und Gedanken während einer realen Reise des Prinzen Samson Dido aus Didotown in Kamerun, Schwager des Königs Duala King Bell. Er reist nach Deutschland, in das Land der Kolonialherren seines Landes. Er kommt mit seiner Familie in Hamburg an, um vier Monate an den Völkerschauen des Zoobetreibers Carl Hagenbeck teilzunehmen. Sein Tagebuch hilft Samson Dido, die Eindrücke in der fremden Welt zu verarbeiten.
 
20. April 1886
Reise nach Deutschland
 
Vorteile:
• Menschen treffen und Kontakte knüpfen
• eine fremde Kultur kennen lernen
• neue Erfahrungen sammeln
• Geld verdienen
• und vor allem: Kameruner Kultur vorstellen
 
Nachteile:
• nur acht Familienmitglieder können mitreisen
• wir müssen für eine Weile Kamerun verlassen
 
Nach sorgfältiger Überlegung werden ich und einige Familienmitglieder die Reise nach Deutschland antreten.
 
Mit mir reisen:
• mein Bruder Adjatay
• zwei meiner Frauen ­ Adeola und Adesola
• mein Sohn Lungile
• ein Haushofmeister
• zwei Diener
 
 
Vertrag zwischen Herrn Samson Dido und Herrn Carl Hagenbeck 24.4.1886
"Carl Hagenbeck engagiert Samson Dido mit Familie, im Ganzen acht Personen, nach Deutschland zu reisen...
 
Carl Hagenbeck verspricht ... seine Reise und Verpflegung hin und zurück und während ihres Aufenthaltes in Deutschland, ferner ein festes Salair ... von 400 Mark monatlich.
 
Carl Hagenbeck verlangt keinerlei Arbeit von der Truppe, nur Leuten ihre Sitten und Gebräuche zu zeigen. Ferner verpflichtet sich Carl Hagenbeck, Samson Dido mit Familie vor Weihnachtszeit nach ihrer Heimat retour zu senden. ..."
 
05. Juni
Der Vertrag ist angekommen, von mir unterschrieben und dem Hamburger Kaufmann Franz zurück gegeben. Es geht in zwei Tagen los. Ich gebe mich gegenüber meiner Familie gelassen, bin aber schon gespannt auf die Reise.
 
6. Juni
Auf dem Photo ist das Schiff 'Aline Woermann', mit dem wir reisen werden. Es sei sehr groß, sagt Franz. Ich habe schon viele Schiffe gesehen, aber noch nie einen solchen 'Dampfer'. Auch mein Sohn ist aufgeregt, und meine zwei Frauen reden von nichts anderem mehr.
 
9. Juni
Jetzt sind wir schon zwei Tage an Bord. Überall Wasser, da so wild und gewaltig ist und nirgends Land. Am Abend ist das Meer pechschwarz und grausam. Die Zimmerkabinen sind eng und stickig. Mir ist ein wenig mulmig zumute, und mein Magen revoltiert. Ich lege mich hin.
 
7. Juli
Uns wurde mitgeteilt, dass wir in elf Tagen ankommen werden. Meiner Frau Adeola geht es nicht gut. Sie ist 14 Jahre alt und hat zum ersten Mal ihre Periode bekommen. Das ist in unserer Kultur ein Ereignis. Wir feiern ihr Frausein. Allerdings ist sie traurig, dass ihre Mutter bei diesem Anlass nicht bei ihr sein kann. Gott beschütze Adeola, auf dass sie mich liebt und mir Kinder gebärt!
 
77. Juli
Ich bin von der Fahrt müde. Noch ein Tag, dann sind wir endlich da! Letzte Woche gab es trockenes Schwarzbrot mit Bismarckhering. Es war köstlich und steigert meine Vorfreude auf Deutschland. Das Klima wird milder, die Sonne schwächer.
 
21. Juli
Wir sind vor drei Tagen angekommen. Unterkunft haben wir in der Dachkammer in Carl Hagenbecks Haus gefunden. Von hier aus ging es gleich zum nahegelegenen zoologischen Garten. Heute habe ich die anderen Darsteller kennen gelernt, die an den Völkerschauen teilnehmen.
 
24. Juli
Heute war unser erster Arbeitstag. Wir mussten Schrittfolgen einstudieren, die uns ganz fremd vorkamen. Dabei dachte das Publikum, es sei ein echter Kameruner Tanz. Einige schauten interessiert zu, andere lachten. Wir mussten weiter machen, denn schließlich werden wir ja dafür bezahlt.
 
1. August
Die Arbeit im Zoo ist dumm. Heute mussten wir Kostüme mit Baströckchen anziehen. Wir sahen aus wie 'Wilde'! Wir bekommen tagtäglich neue Vorlagen ­ Trommelstücke, Ringkämpfe und ähnliches. Meine Familie ist traurig und böse, doch ich kann ja nichts für die peinliche Situation. Hagenbeck ist ein Teufel mit zwei Gesichtern!
 
8 August
Wir müssen immer in Hagenbecks Haus bleiben. Heute nahm er uns zum ersten Mal mit in die Stadt, und die Passanten riefen: "Guck mal, Hagenbeck und die Wilden!" Ich wurde böse, aber Hagenbeck fixierte mich, damit ich lächeln soll.
 
15. August
Wie hier im Bild werden auch wir in Szene gesetzt. Es ist nicht zu fassen, dass das Publikum diese Aufführungen für bare Münze nimmt! Heute eine Neuigkeit: der Kronprinz Friedrich Wilhelm hat mich zu einem Gespräch nach Berlin eingeladen! Ich werde mit dem Zug fahren.
 
24. August
Krone zu Krone, Mensch zu Mensch ? Nicht ganz.
Der Thronfolger lud mich in den Muschelsaal seines Schlosses in Berlin ein. Anfangs unterhielten wir uns prächtig, und er machte mir Geschenke, auch eine Ehrenmedaille. Dann schmeichelte er mir: "Sie sind doch ein intelligenter Mann! Was halten Sie von einer Zusammenarbeit? Profitieren würde Kamerun genauso wie das Deutsche Reich." Über diesen Vorschlag bin ich empört. Mit dem hinterlistigen Mann, der meine Brüder und Schwestern betrügt und demütigt, werde ich nie zusammen arbeiten! Meine Antwort war abweichend: "Ich werde es mir überlegen" und bat dann darum, den Raum verlassen zu dürfen.
 
26. August
Noch immer in Berlin. Heute wurde ich in die Praxis des Dr. Virchow gebracht. Er beäugte mich so, als wäre ich eigenartig. Er behauptete, es sei nur eine Routineuntersuchung. Er vermaß meinen Kopf und Körper und murmelte "sehr interessant, sehr interessant". Und wieder hatte ich das Gefühl, als Tier oder 'Wilder' behandelt zu werden. Keine Würde! Ich schämte mich so sehr!
 
18. September
Endlose Tage wurden wir im 'Vergnügungsetablissement Flora' in Kreuzberg ausgestellt. Jetzt sind wir wieder in Hamburg. Tagsüber ein 'Wilder”'und abends ein Ehrenmann. Ich treffe Menschen, die mir Honig ums Maul schmieren, um von meinem Amt in Kamerun zu profitieren. Ich habe mit Ihnen zusammen gesessen, aber ihre Ideen kamen mir närrisch vor.
 
26. September
In den letzten Wochen sind wir mit der Völkerschau durch deutsche Städte umhergezogen. Von den Inszenierungen unserer angeblich 'Kameruner' Kultur waren die Zuschauer begeistert. Dummköpfe!
Der Winter naht, und wir werden nun bald abreisen. Ich freue mich auf das Heimatland.
 
15. Oktober
Wir reisen ab. Weg von Lügnern und Heuchlern und zurück in die Welt des wahren Wortes. Jetzt heißt es: Abschied nehmen. Auf kein Wiedersehen, Deutschland! Hallo geliebtes Kamerun!
 
(Text: Jessica, 2013)